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"Feuerwehr-Tankstelle" in Eichen dicht

31.08.2017

Die letzten beiden Liter Diesel schluckte am Donnerstagabend ein Ferndorfer Feuerwehrwagen, bevor die Zapfanlage in der Eichener Straße nichts mehr hergab. Um 19 Uhr abends trat die freie Tankstelle des Kfz-Meisterbetriebs Saßmannshausen in den offiziellen "Ruhestand" und besiegelte damit den selbigen seines letzten Besitzers Heinrich Vogt: Der 64-Jährige hatte bereits zum Jahresende 2016 seine Autowerkstatt geschlossen; jetzt ist auch die Tankstelle "beim Sassi", so der Volksmund, für immer dicht. Bei aller Wehmut brauchen sich die Eichener aber um den angegliederten Spielzeugladen samt Post-Partner-Filiale keine Sorgen zu machen: Dessen Betrieb läuft im Nebenerwerb unter der Geschäftsführung von Sohn Fabian weiter.

Verdutzte Kunden auf dem Trockenen

Am ersten Septembertag waren noch einige Autofahrer sprachlos, als der Zapfhahn im Tankstutzen ihres Wagens keinen Laut von sich gab und die Anzeige auf Null stehenblieb. Dass fortan kein Tankwagen mehr aus Köln anreist, um in der Eichener Straße die 60.000 Liter fassenden unterirdischen Tanks erneut zu befüllen, hat sich noch nicht überall herumgesprochen. Besonders emotional ist das Ende einer fast 100-jährigen Betriebsgeschichte für Heinrich Vogt in diesen Tagen eigentlich nicht: Er freut sich auf die Zeit, in der er keine betriebliche Verantwortung mehr tragen muss. Schon vor wenigen Jahren ist der Kfz-Meister nach Littfeld gezogen und hat die der Werkstatt angegliederten Wohnräume seinem Sohn überlassen. Für den war klar, dass er, selbst hauptberuflich in der Industrie beschäftigt, weder Werkstatt noch Tankstelle übernehmen würde. Letztere weiter zu betreiben, hätte enorme neuerliche Investitionen von rund 50.000 Euro bedeutet: Eine Überwachungsanlage  für die Gasrückführung, ein neues Kassensystem und eine minutiöse Gefährdungsbeurteilung hätte der Sohn als Nachbesitzer nachweisen müssen. Im Jahr 1996 hatte Vater Heinrich Dieter bereits 200.000 DM investiert, um die Tankstelle auf den damals aktuellen Stand der Technik und Sicherheit zu bringen: "Danach kamen Jahre, in denen die Gewinnspanne beim Verkauf von Kraftstoff so gering war, dass man als Tankstellenbetreiber praktisch noch Geld dazugetan hat," erinnert er sich. Hinzukam bis zuletzt, dass Heinrich Vogt mit seiner freien Tankstelle immer bemüht war, rund ein Cent unter dem Preis der konzerngebundenen Konkurrenz zu bleiben. Bis vor einem halben Jahr beteiligte er sich an den mehrmals täglich beobachtbaren Schwankungen der Kraftstoffpreise. Damit ist nun Schluss: Die letzten Liter Super und Diesel, die in den unterirdischen Tanks verblieben sind, wird Heinrich Vogt bald abpumpen, die Behälter professionell reinigen lassen und vermutlich mit Sand befüllen: "Das ist die übliche Art der Stilllegung solcher Tanks", weiß er. Ob er für die Zapfsäulen noch nostalgiebewusste Abnehmer findet, bleibt abzuwarten.

Benzin seit 1926

Schon im Jahr 1926 konnten die Eichener bei August Saßmannshausen, dem Opa von Heinrich Vogt, Benzin kaufen - zunächst noch oberirdisch aus Fässern, bevor "Dapolin" als Lieferant 1928 dort die erste Anlage mit einem 2.000 Liter fassenden unterirdischen Tank errichtete. Die Zapfsäule war auf die Abgabe von zweimal 1, 3 und 5 Liter eingerichtet. Der Zapfvorgang erfolgte zu dieser Zeit noch per Hand mit Hilfe eines Schwengels, der betätigt werden musste. Im Zweiten Weltkrieg wurden nach und nach Bezugsscheine für Benzin eingeführt und nur an Ärzte, die Industrie und Versorgungsbetriebe vergeben. Gegen Kriegsende blieb die Tankstelle eine Zeit lang geschlossen; nach der Währungsreform errichtete der Konzern "BP" für die Firma August Saßmannshausen eine neue Anlage mit drei Zapfsäulen. Im Jahr 1981 trennte sich "BP" im gegenseitigen Einverständnis von Heinrich Vogt, der 1973 nach dem Tod seines Vaters Friedolin den Betrieb übernommen hatte - seitdem ist er eine "freie Tankstelle" gewesen. Seit Mitte der 70er Jahre, also Heinrich Vogts aktiver Feuerwehrzeit - er wurde schließlich stellvertretender Löschgruppenführer in Eichen -, tankten sämtliche Fahrzeuge der Stadtfeuerwehr Kreuztal bei ihm.

Spielzeugladen läuft weiter

Wesentlich ruhiger dürfte der Kundenverkehr im nördlichen Teil der Eichener Straße mit der Aufgabe von Werkstatt und Tankstelle allerdings nicht werden: Seit 1993 führt die Familie Vogt dort ein Spielwarenfachgeschäft, das im Zuge des Einzelhandel-Sterbens mittlerweile zu einer stadtübergreifenden Anlaufadresse für Kinderwünsche und deren elterliche Erfüllung geworden ist. Und auch im vorderen Teil des Werkstattbereiches, wo Heinrich Vogt vor zwei Jahren noch an den Karosserien schraubte, geht es nun zu wie im Taubenschlag: Hier floriert auch weiterhin die ebenfalls familienbetrieblich geführte Partner-Filiale der Post mit Paketservice, aber nicht nur das: Sie fungiert auch nach dem Ende der Eichener Tankstellenära weiterhin als ein Ort, wo Eichener nett empfangen werden und sich zu einem Plausch endlich noch einmal über den Weg laufen. Das Foto vom letzten tankenden Feuerwehrwagen beim "Sassi" stellte Dirk Werthenbach zur Verfügung. bjö 

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