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Katastrophenalarm durch Sturm "Kyrill"

18.01.2007


Dieser Blick auf den Mühlberg in Kreuztal hat viele Bürger am Morgen nach der Sturmnacht erschrocken: Wo vorher stadtbildprägend dichte Bewaldung die Silhouette prägte, ist jetzt eine Trümmerwüste umgekippter Bäume zu sehen.

 

Kurzbeschreibung: Ein so noch nie dagewesenes Einsatzaufkommen ist die Bilanz des Orkans "Kyrill" auch für die Kreuztaler Stadtfeuerwehr: 118 Einsätze bearbeitete der Meldekopf im Kreuztaler Feuerwehrgerätehaus im Zeitraum von 13.30 Uhr am Donnerstagnachmittag bis zu seiner Auflösung am Freitagmittag um 12.50. Am Donnerstagabend hatte Landrat Paul Breuer Katastrophenalarm für den Kreis Siegen-Wittgenstein ausgelöst. Weitere Einsätze folgten danach über den üblichen Alarmierungsweg. Bis Samstagnachmittag dürfte sich der Stand auf 125 sturmbedingte Einsätze eingependelt haben. Der nachfolgende Bericht kann natürlich nur Streiflichter des Katastropheneinsatzes wiedergeben. Der Autor des Beitrages war selbst mit dem Löschzug Kreuztal unterwegs.


Ausführlich: Das Entsetzen kommt am gestrigen Freitag in vielen Fällen erst im Morgengrauen. „Ich war richtig erschrocken, als ich die Schneise abrasierter Bäume entdeckt habe“, erzählt ein Kreuztaler Feuerwehrmann seinem Kameraden im Gerätehaus von seiner vorangegangenen Einsatzfahrt auf die Ostheldener Höhe. Zu diesem Zeitpunkt ist es bereits 20 Stunden her, dass die Kreisleitstelle den „Meldekopf“ für die Einsatzkoordination der Stadtfeuerwehr Kreuztal alarmiert hat.


Qualmende Köpfe im Meldekopf der Stadtfeuerwehr Kreuztal mit Stefan Knipp, Wolfgang Viereck und Swen Schneider.

Kaffee und Cola ohne Ende

Viele Feuerwehrleute haben die ganze Nacht kein Auge zugetan, ob an den Tischen der Einsatzleitzentralen oder in den durchnässten Einsatzjacken auf dem Weg von einer Schadensstelle zur nächsten. Unzählige Tassen Kaffee und Cola helfen in der Hektik der einsatzreichen Stunden zusätzlich, zu mitternächtlicher Zeit hellwach zu sein. Dankbar ist der Fahrzeugführer, der zwischen zwei Einsätzen kurz das Gerätehaus anfahren kann, um ein heißes Würstchen zu verputzen und im Schulungsraum über den Beamer in die aktuellen Nachrichten im Fernsehen hineinzuschauen. Immer, wenn in der Zentrale des Kreuztaler Gerätehauses die Direktleitung zur Kreisleitstelle bimmelt, wird es im Raum etwas ruhiger – aus irgendeinem Teil der zweitgrößten Stadt im Kreis Siegen-Wittgenstein ist erneut ein Notruf eingegangen. Ob ein Rolladen lose immer wieder gegen eine Fensterscheibe knallt oder sich ein Baum in der Stromleitung der Hausversorgung verfangen hat: Jeder Einsatz wird mit genauen Zeiten dokumentiert, sowohl handschriftlich als auch im Computer. Die Prioritätennummer von eins bis drei entscheidet darüber, welcher Zwischenfall am dringlichsten bearbeitet werden muss. Wo Gefahr im Verzug ist, ist kein Aufschub möglich. Wo ein gefallener Baum zwar den Weg versperrt, aber nicht weiter abstürzen kann, ist Geduld derer gefragt, die auf Hilfe warten.

Tröstende Worte inklusive

In der Zentrale des Feuerwehrgerätehauses Kreuztal schaut beizeiten auch Reiner Tiepelmann, Dezernent für Feuerschutz in der Stadt und zugleich Kämmerer der Kommune, vorbei, um sich ein Bild von der Lage zu machen. In der Hektik des Geschehens haben die Helfer dennoch tröstende Worte und einen heißen Kaffee für eine Frau parat, die das Haus betreten hat, weil sie nicht weiß, was sie in der katastrophalen Lage tun soll. Sie hat vergeblich versucht, mit den öffentlichen Verkehrsmitteln nach Kirchhundem zu gelangen und sitzt in Kreuztal fest. Auch hier kümmert sich die Feuerwehr um eine Unterkunft für die Dame, die schließlich beim Weidenauer DRK unterkommen kann, solang der Weg nach Hause nicht möglich ist.

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Auch der Amtsleiter Reiner Tiepelmann (Bildmitte) schaute mal beim Meldekopf vorbei, hier flankiert von Wehrführer Berthold Braun (links) und seinem Stellvertreter Heinz-Georg Lütticke.

Abenteuer Einsatzfahrt

Abenteuerlich gestaltet sich so manche Einsatzfahrt. Während der Gruppenführer des Kreuztaler Löschgruppenfahrzeugs im Eggersten Ring feststellt, dass der Rolladen, der gegen die Scheibe schlägt, nicht wirklich ein Fall für die Feuerwehr ist, sitzt die Mannschaft in der Fahrzeugkabine, als blaue Blitze durch die rechten Scheiben die Mannschaftskabine erhellen: In der Hochstraße krachen Stromleitungen aneinander und verursachen ein gewaltiges Feuerwerk. Zur gleichen Zeit fliegt ein Möbelstöck am Löschfahrzeug vorbei, das in der Weimarer Straße steht. Sekunden später ein Krachen zehn Meter weiter: Die Verkleidung einer benachbarten Garage hat sich in einen Haufen Steinbrocken verwandelt.


Trauriges Stillleben, wie es in diesen Tagen oft zu erleben war: Hier ein abgeknickter Baum in der Weimarer Straße am Fuß der Kreuztaler Fritz-Erler-Siedlung.

Amtsleiter droht abzusaufen

Ein weiterer Amtsleiter hat in den Katastrophenstunden ungeplant mit der Feuerwehr zu tun: Mit Sondersignal eilen die Wehrleute in das Wohngebiet Zitzenbach, um den Ordnungsamtsleiter Walter Kiß vor dem buchstälblichen Absaufen seines Grundstücks zu bewahren. Hier helfen Sandsäcke, die ausufernde Zitzenbach in Zaum zu halten. Mit Säcken begann übrigens der erste Tag des Sturmeinsatzes: In Kredenbach war der Loher Weiher übergelaufen und hatte die Kredenbacher Feuerwehr auf den Plan gerufen. Die Kreuztaler halfen mit Sandsäcken, die die Jugendfeuerwehr am Tag zuvor am Gerätehaus gefüllt hatte. Gute Nachrichten derweil aus Littfeld: Ein zur Zierde im Garten von Fred Hoffmann, Sachbearbeiter für Feuerschutz, aufgestelltes Windrad hat den Sturm fast unbeschadet überstanden.

Viele Straßen "dicht" gemacht

Als am Donnerstagabend nach 19 Uhr das noch gut überschaubare Einsatzaufkommen genauso rasant anzieht wie die Böen vor den Fahrzeugtoren, wird bald klar: Viele Einsatzorte fahren die Wehrleute aus ihren neun Standorten an, um sicherzustellen, dass dort zunächst nichts Schlimmeres passieren kann. Wer sich wundert, dass sein auf die Fahrbahn ragender Zierbaum zunächst nicht zerkleinert und beseitigt wird, obwohl die Feuerwehr vor Ort ist, bekommt von den Helfern überzeugend erklärt, wie brisant die Einsatzlage im gesamten Kreisgebiet ist. Im Zweifelsfall werden blockierte Straßenzüge einfach „dicht“ gemacht. Als zeitweise manche Straßenzüge ohne Telefonverbindung sind, stellt die Feuerwehr eine Präsenz am Gerätehaus her, wo Bürger so doch einen Notruf absetzen können. Bis gestern um 15.45 Uhr hat die Stadtfeuerwehr mit ihren neun Einheiten bis 118 Einsätze „abgearbeitet“. Unzählige Funksprüche aus rauschenden Äthern, Tausende von Schnitten mit den unverzichtbaren Motorsägen und der peitschende Wind um die Ohren der Helfer draußen lassen über Stunden vergessen, wie viel Kraft der schwere Sturm jedem einzelnen Helfer abverlangt. Kollegial ist der Umgangston an Einsatzstellen mit solchen Zivilisten, die ihre Hilfe anbieten und die Feuerwehr nicht nur einfach „machen lassen“.


Ein Schnappschuss aus dem Einsatzfahrzeug: Auf der Marburger Straße, Ortsgrenze Kreuztal/Ferndorf, ist ein Kleinwagen von herabgefallenem Baumwerk buchstäblich eingekeilt.

Auch Passanten helfen mit

Der Kreuztaler Spediteur, der auf der Ostheldener Höhe seit Stunden mit seinem Sattelschlepper vor einem ganzen Heer umgefallener Bäume darauf hofft, seinen Koloss doch noch zum Zielort bringen zu können, hat mitgedacht: Seinen Bagger als Fracht auf der Ladefläche setzt er kurzerhand zum nützlichen Hilfsinstrument zur Beseitigung von Astwerk ein, um der Feuerwehr ein wenig Arbeit abzunehmen. Der andere Lieferant hinter ihm, der um die verspätete Ablieferung von Waren in einem Kreuztaler Unternehmen bangt, jubelt erleichtert auf, als ein Feuerwehrmann ihn wissen lässt: „In der Firma läuft grad eh nichts, da ist der Strom ausgefallen.“ Über alle Berge ist jener Besitzer eines Personenwagens, der irgendwann in der Sturmnacht seinen Pkw mitten auf der Kreisgrenze zwischen Olpe und dem Siegerland am Straßenrand hat stehen lassen: Jetzt steht sein verlassenes Gefährt nah an einem stattlichen Nadelbaum, der wie ein Torbogen über die gesamte Fahrbahnbreite ragt. Feuerwehr und weiteres Fachpersonal arbeiten spätestens in den Morgenstunden nach dem Riesensturm Hand in Hand vor Ort, um das Chaos nach und nach zu beseitigen. Erst jetzt finden die Helfer Zeit, die gesperrten Straßen Stück für Stück vom mikadoartig aufgetürmten Stamm- und Astwerk zu befreien. Doch nicht nur Bäume machen zu schaffen: Hier sind lose Dachziegel, dort aufsteigendes Grundwasser im Keller und in der City die abgebröckelte Verkleidung einer Tankstelle, die daraufhin schließt, um die Kundschaft nicht durch herabfallende Teile in Gefahr zu bringen.


Ein Spediteur, für den es auf der Ostheldener Höhe kein Weiterkommen gibt, will nicht untätig warten und funktioniert seine Fracht zum Räumgerät um: Der Bagger auf der Ladefläche hievt Astwerk von der Fahrbahn und wird so zum unverhofften Arbeitshelfer.

Um 12.50 Uhr wird Meldekopf aufgelöst

Der am Donnerstag gegen 13.30 Uhr einberufene Meldekopf im Gerätehaus löst sich erst am Folgetag um 12.50 Uhr auf, als das Schlimmste überstanden zu sein scheint. Wer nicht sowieso die ganze Zeit – wie auch Wehrführer Berthold Braun - wachgeblieben ist, der hat vielleicht gerade mal zwei Stunden zwischen den Einsätzen dösen können, bevor er seine Kameraden erneut ablösen musste. Im Kreuztaler Löschgruppenfahrzeug geht am Freitagmittag ein Staunen durch die Gruppenkabine, als die Mannschaft über die Fellinghäuser Brücke fährt: Die Männer trauen ihren Augen kaum, als sie entdecken, dass ein Teil der Waldsilhouette des benachbarten Mühlbergs buchstäblich abrasiert ist. Am Tag nach der Sturmnacht wird immer deutlicher: Die Naturgewalt hat das Stadtbild verändert. bjö

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